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Behandlungsfehler – Wann haftet der Arzt?

Behandlungsfehler – Wann haftet der Arzt? Arzte führen mit Lupen eine Operation durch © freepik
Rund 3.400 Behandlungsfehler verursachten Ärzte einer aktuellen Statistik zur Folge im vergangenen Jahr in Deutschland. In vielen Fällen müssen letztlich Gerichte entscheiden, ob eine Arzthaftung in Frage kommt und wie hoch der Anspruch der betroffenen Patienten auf Schadensersatz ausfällt.

1.000.000 Euro Schmerzensgeld für schwerste Hirnschäden nach verschlucktem Apfel

Ein Krankenhaus, eine Krankenschwester und eine Belegärztin sind zusammen zur Zahlung von rund 1.000.000 Euro Schmerzenzgeld an einen einjährigen Jungen vom Landgericht Limburg (Aktenzeichen 1 O 45/15) verurteilt worden. Das einjährige Kind war wegen eines Infekts ins Krankenhaus eingeliefert worden. Als die Krankenschwester ihm einen Port für eine Antibiose legen wollte, regte sich das Kind so auf das es sich an einem zuvor gegessenen Apfel verschluckte und dabei schwerste Hirnschäden erlitt. Die Krankenschwester habe vom Apfelessen gewusst und hätte mit dem Setzen des Ports länger warten müssen.

800.000 Euro Schmerzensgeld für Behandlungsfehler bei fünfjährigen Jungen

Das Oberlandesgericht Oldenburg (Aktenzeichen 5 U 196/18) verurteilte ein Krankenhaus zur Zahlung von 800.000 Euro Schmerzensgeld an einen kleinen Jungen, der mit Fieber und Schüttelfrost ins Krankenhaus eingeliefert wurde und bei dem ein Krankenpfleger keinen Arzt verständigte, obwohl das Kind schwarze Flecken am ganzen Körper entwickelte. Bei dem Jungen wurde eine lebensgefährliche Blutvergiftung nicht erkannt. Ihm mussten beide Unterschenkel amputiert werden.

800.000 Euro Schmerzensgeld für Hirnschädigung bei einem 17jährigen

Der Betreiber eines Krankenhauses muss einem Patienten insgesamt 800.000 Euro zahlen, weil bei diesem im Alter von 17 Jahren aufgrund einer Sauerstoffunterversorgung während einer Vollnarkose eine Hirnschädigung entstand. Dies entschied das Landgericht Gießen (Aktenzeichen 5 O 376/18).

250.000 Euro Schmerzensgeld für Hirnschädigung eines Säuglings

Wurde bei einem Säugling aufgrund eines ärztlichen Behandlungsfehlers zu spät eine Sectio durchgeführt und erlitt das Kind dadurch eine Hirnschädigung, steht ihm ein Schmerzensgeld in Höhe von 250.000 Euro zu, entschied das Oberlandesgericht Hamm (Aktenzeichen 26 U 88/16).

170.000 Euro Schmerzensgeld Amputation beider Unterschenkel

Aufgrund eines Behandlungsfehlers mussten einer Patientin beide Unterschenkel amputiert werden. Das Landgericht Hamburg (Aktenzeichen 336 O 76/17) verurteilte das Krankenhaus zur Zahlung von 170.000 Euro Schmerzensgeld.

Darmspiegelung unterlassen – 70.000 Euro Schmerzensgeld

Ein Arzt, der bei einem Patienten trotz heftiger Blutungen aus dem Anus keine Darmspiegelung veranlasste, haftet auf Schmerzensgeld und Schadensersatz, wenn sich später eine Darmkrebserkrankung beim Patienten herausstellt. Dies entschied das Oberlandesgericht Braunschweig (Aktenzeichen 9 U 129/15) und verurteilte den Arzt im konkreten Fall zu einer rund 70.000 Euro hohen Schmerzensgeldzahlung.

Verzögerte Tumorbehandlung – 15.000 Euro Schmerzensgeld

15.000 Euro Schmerzensgeld erhielt eine Patientin von ihrem behandelnden Arzt, weil ein Fehler bei der Befunderhebung zu einer verzögerter Tumorbehandlung geführt hatte. So lautet die Entscheidung des Oberlandesgerichts Hamm (Aktenzeichen 3 U 166/13). Die Patientin verspürte Schmerzen im rechten Bein. Der Arzt diagnostizierte unter anderem einen Kiefergelenkschaden und ein HWS-Syndrom. Da die Beschwerden der Frau nicht besser wurden, veranlasste der Arzt nach zwei Jahren eine kernspintomografische Untersuchung. Diese ließ die Tumorerkrankung der Patientin erkennen. Die Frau wurde operiert. Ihr blieben nach der Operation dauerhafte Fuß- und Großzehenheberschwächen. Das Oberlandesgericht Hamm sprach der Patientin ein Schmerzensgeld in Höhe von 15.000 Euro zu. Der Arzt habe bei seiner Befunderhebung fehlerhaft gehandelt. Er hätte bei der Patientin bereits zu diesem Zeitpunkt eine kernspintomografische Untersuchung veranlassen müssen. Aufgrund seines Versäumnisses ist der Tumor gewachsen und konnte nicht mehr ohne Folgen operativ entfernt werden. Daher liege ein Fall der Arzthaftung vor, so die Hammer Richter.

Krebserkrankung zu spät erkannt – 50.000 Euro Schmerzensgeld

Das Oberlandesgericht Frankfurt/Main (Aktenzeichen 8 U 142/18) sprach einer verstorbenen Patientin 50.000 Euro Schmerzensgeld für die vom Arzt zu spät erkannte Krebserkrankung zu. Maßgelblich für die Bemessung der Schmerzensgeldhöhe war für das Gericht die Heftigkeit und Dauer der Schmerzen, das Alter und die familiäre Lebenssituation der Frau.

Hirnstamminfarkt zu spät diagnostiziert – 50.000 Euro Schmerzensgeld

50.000 Euro Schmerzensgeld sprach das Oberlandesgericht Hamm (Aktenzeichen 3 U 122/12) den Erben einer Patientin zu, bei der ein Hirnstamminfarkt vom behandelnden Chefarzt zu spät diagnostiziert wurde. Der Arzt hatte es versäumt einen Neurologen zur Beurteilung der CT-Aufnahmen hinzuziehen.

Arzt übersieht als Gutachter schwere Erkrankung – keine Haftung

Ein Arzt, der als Gerichtsgutachter eine schwere Erkrankung bei einem Patienten nicht erkennt, haftet dafür nicht, entschied das Landgericht Köln (Aktenzeichen 3 O 338/18). Dabei ist es unerheblich, ob er die Krankheit erkennt, aber nicht weitergibt, oder ob er sie nicht erkennt, weil das nicht sein Fachgebiet ist.

Darf ein Medizinstudent vor der Operation den Patienten aufklären?

Bei einer Patientin sollte bei einer Herzkatheteruntersuchung die Oberschenkelarterie durchtrennt werden. Eine Revisionsoperation wurde erforderlich. Die Patientin klagte, da sie vor der Operation über die Risiken nicht ordnungsgemäß durch einen Arzt aufgeklärt worden sei. Lediglich ein Medizinstudent habe ein Aufklärungsgespräch mit ihr geführt. Dies reicht für eine ordnungsgemäße Aufklärung vor einer Operation durch einen Arzt aus, entschied das Oberlandesgericht Karlsruhe (Aktenzeichen 7 U 163/12). Medizinstudenten im praktischen Jahr dürften nach vorheriger Anleitung und Überprüfung Aufklärungsgespräche durchführen.

Aufklärung auch über entfernte Risiken?

Ein Patient erlitt nach dem Veröden eines Hämorrhoidalknoten eine seltene, genetisch bedingte Komplikation, die eine Sepsis verursachte. Der Mann fühlte sich von seinem Arzt nicht ausreichend über die Risiken des Eingriffs aufgeklärt. Zu Unrecht, entschied das Oberlandesgericht Karlsruhe (Aktenzeichen 7 U 124/12). Ärzte müssen nicht über fernliegende ungewöhnliche Komplikationen aufklären, die nur unter außergewöhnlichen Umständen auftreten, dass dies dem Arzt nicht bekannt sein muss.

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